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Bremssystem

Bremsflüssigkeit wechseln: Wie oft ist es wirklich nötig? 

Kirsten Weißbacher
Verfasst von Kirsten Weißbacher
Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2026
Lesedauer: 5 Minuten
© Norasit Kaewsai / istockphoto.com

Reifenprofile, Bremsscheiben und Stoßdämpfer rücken bei der regelmäßigen Fahrzeugkontrolle meist sofort ins Blickfeld. Die Hydraulikflüssigkeit im Bremssystem führt dagegen oft ein Schattendasein. Solange der Wagen beim Tritt auf das Pedal spürbar verzögert, verschwenden Fahrzeughalter kaum einen Gedanken an den unscheinbaren Vorratsbehälter im Motorraum.

Das ist ein fataler Fehler, denn selbst die modernsten und teuersten Hochleistungsbremsen bleiben wirkungslos, wenn die Kraftübertragung zwischen Fuß und Radbremszylinder unterbrochen wird. Die Alterung dieses Mediums passiert unsichtbar und völlig lautlos. Wer den Austausch ignoriert, riskiert im schlimmsten Fall den totalen Ausfall der Bremsanlage. 

Die Tücken der chemischen Zusammensetzung 

Fahrzeuge im heutigen Straßenverkehr greifen in der Regel auf Bremsflüssigkeiten der Spezifikationen DOT 3, 4 oder 5.1 zurück. Die Basis dieser Varianten bilden komplexe Polyglykolverbindungen. Ein zentraler Ausgangsstoff für die Produktion solcher Lösungen ist Diethylenglykol. Dieser chemische Baustein garantiert, dass das Medium bei zweistelligen Minustemperaturen im Winter geschmeidig bleibt und im Hochsommer bei extremen thermischen Belastungen nicht verdampft.

Ohne den Einsatz passender Alkohole käme es zu starken Schwankungen der Viskosität. Die Flüssigkeit würde im Frost zähflüssig werden, was das Ansprechen der Bremskolben massiv verzögern würde. Die gewählte chemische Struktur löst dieses Kälteproblem hervorragend, bringt jedoch eine physikalische Eigenheit mit, die regelmäßiges Eingreifen erzwingt. 

Das schleichende Problem der Luftfeuchtigkeit 

Polyglykolverbindungen sind stark hygroskopisch. Sie ziehen Wasser unweigerlich an. Selbst in einem scheinbar geschlossenen Kreislauf nimmt die Flüssigkeit über die Monate hinweg Feuchtigkeit aus der Umgebungsluft auf. Diese durchdringt mikroskopisch kleine Poren der Gummi-Bremsschläuche oder gelangt über die winzige Belüftungsöffnung des Ausgleichsbehälters in das System. Mit jedem Prozentpunkt an gebundenem Wasser sinkt der Nasssiedepunkt der Lösung drastisch ab.

Im Neuzustand kocht eine Standard-Flüssigkeit nach DOT-4-Norm erst bei rund 230 Grad Celsius. Klettert der Wasseranteil auf über drei Prozent, fällt diese Temperaturgrenze sehr oft unter 155 Grad. Bei harter Beanspruchung, etwa bei einer längeren Passabfahrt in den Bergen oder bei plötzlichen Bremsmanövern auf der Autobahn, entsteht gewaltige Reibungshitze. Diese Wärmeenergie wandert direkt über die Bremsbeläge in die Radbremszylinder. 

Dampfblasenbildung und der Tritt ins Leere 

Erreicht die Temperatur im Bremssystem den herabgesetzten Siedepunkt, beginnt das angesammelte Wasser in den Stahlflex- oder Gummileitungen zu kochen. Aus der Flüssigkeit entstehen schlagartig Gasblasen – die sogenannten Dampfblasen.

Genau hier liegt die größte Gefahr für Fahrzeuginsassen:

  • Flüssigkeiten übertragen den Pedaldruck direkt auf die Bremsbacken, da sie sich kaum komprimieren lassen.
  • Gase hingegen lassen sich mühelos zusammendrücken.

Versucht man nun zu bremsen, presst der Bremskolben lediglich die Dampfblasen zusammen. Die Kraft erreicht die Räder nicht – das Bremspedal fällt durch, und das Fahrzeug rollt ungebremst weiter.

Dieses lebensgefährliche Szenario lässt sich durch regelmäßige Kontrolle und fachgerechten Austausch der Bremsflüssigkeit zuverlässig verhindern.

Routinemäßige Messung und fachgerechter Austausch 

Automobilhersteller geben in den Serviceheften klare Zeitfenster für den Bremsflüssigkeitswechsel vor.

  • In Fachwerkstätten gilt ein kompletter Austausch alle zwei Jahre als etablierter Richtwert für maximale Sicherheit.
  • Mechaniker verlassen sich bei der Kontrolle nicht auf bloßen Sichtkontakt: Zwar deutet eine dunkel verfärbte Flüssigkeit auf Alterung hin, den exakten Wasseranteil zeigt jedoch nur ein elektronisches Messgerät.

Dieses Messgerät funktioniert folgendermaßen:

  1. Eine winzige Probe der Bremsflüssigkeit wird erhitzt.
  2. Das Gerät bestimmt den tatsächlichen Siedepunkt.
  3. Überschreitet der Wert die kritische Marke, wird die alte Flüssigkeit abgepumpt und das System mit frischem Material gespült.

Der gesamte Vorgang erfordert fachliche Expertise, da das hydraulische System anschließend gründlich entlüftet werden muss. Jeder kleinste Lufteinschluss kann sonst sofort wieder zu gefährlichem Druckverlust führen.



Fazit: Warum regelmäßiger Bremsflüssigkeitswechsel Leben retten kann

Bremsflüssigkeit mag unscheinbar wirken, doch sie ist das zentrale Bindeglied zwischen Pedal und Bremsscheibe. Ihre Alterung verläuft unsichtbar, die Folgen bei Vernachlässigung jedoch katastrophal: Dampfblasenbildung, Druckverlust und kompletter Ausfall der Bremsanlage können lebensgefährlich werden.

Durch das hygroskopische Verhalten der Polyglykolverbindungen sinkt der Siedepunkt kontinuierlich, insbesondere bei Fahrzeugen, die regelmäßig unter hoher Beanspruchung stehen. Regelmäßige Kontrolle, routinemäßige Messungen und der fachgerechte Austausch alle zwei Jahre sind daher unerlässlich. Nur so bleibt das Bremssystem zuverlässig und die Sicherheit von Fahrer und Insassen gewährleistet.

FAQ zum Thema Bremsflüssigkeit, Risiken und Wartung

Warum ist Bremsflüssigkeit genauso wichtig wie Bremsbeläge oder Stoßdämpfer?

Die Bremsflüssigkeit überträgt die Kraft vom Pedal auf die Radbremszylinder. Ohne sie funktioniert selbst die beste Bremsanlage nicht. Alterung oder falscher Wassergehalt führen zu Druckverlust und damit zu gefährlichem Ausfall der Bremswirkung.

Welche chemischen Eigenschaften machen Bremsflüssigkeit anfällig für Alterung?

Bremsflüssigkeiten auf Polyglykolverbindungsbasis sind stark hygroskopisch. Sie ziehen Wasser aus der Umgebung an, wodurch der Nasssiedepunkt sinkt. Bei Überhitzung kann es zur Dampfblasenbildung kommen, was die Bremsleistung drastisch reduziert.

Wie erkennt man, dass die Bremsflüssigkeit gewechselt werden muss?

Ein Sichttest ist unzureichend. Zwar zeigt eine dunkle Färbung Alterung an, der exakte Wassergehalt lässt sich nur über ein elektronisches Messgerät bestimmen, das den Siedepunkt überprüft.

Wie oft sollte Bremsflüssigkeit ausgetauscht werden?

Fachwerkstätten empfehlen in der Regel einen vollständigen Austausch alle zwei Jahre. Dies gilt als optimaler Sicherheitsstandard, unabhängig vom optischen Zustand der Flüssigkeit.

Kann man Bremsflüssigkeit selbst wechseln oder sollte ein Profi ran?

Der Austausch erfordert Fachkenntnisse, da das hydraulische System nach dem Wechsel sorgfältig entlüftet werden muss. Lufteinschlüsse führen sofort zu Druckverlust. Daher ist die Arbeit durch eine qualifizierte Werkstatt dringend angeraten.

Über unsere*n Autor*in
Kirsten Weißbacher
Kirsten hat Germanistik in Hamburg studiert und im Anschluss ein Volontariat gemacht. Nach ihrem Start in der Unternehmenskommunikation eines lokalen Herstellers wechselte sie in die freiberufliche Tätigkeit. Seit Februar 2024 ist Kirsten bei Digitale Seiten und schreibt dort Ratgeber zu Handwerksthemen aller Art.